Das innere Kind vs. Schweinehund

Wir alle kennen sie und wir alle haben sie: Glaubenssätze und Überzeugungen (auch gedachte Wahrheiten genannt). Wir leben nach Ihnen und sie bilden unsere Meinung über die Welt in der wir leben und nur sehr selten sind wir dabei achtsam und vergleichen unsere Gedanken mit der tatsächlich stattfindenden Realität. Wenn wir unter Stress stehen (und wann haben wir mal keinen Stress?) und sich das Leben von seiner hektischen/schnelllebigen und vor allem ungeduldigen Seite zeigt, scheinen solche Gedanken oft die „absolute“ Wahrheit über uns selbst und die Welt zu enthalten.

In Wirklichkeit aber sind es Stresssymptome, so wie Durchfall ein Symptom von der Magen-Darm- Grippe ist. Unser Unterbewusstsein meldet sich ohne dass wir es mitbekommen. Wir bemerken es erst, wenn die Symptome eintreten.


Das heißt also, dass wir mit Gerüchten leben, die es sich irgendwann einmal in unserem Unterbewusstsein gemütlich machten und damit unser Bild über uns und unsere Umgebung zementierten. Gleichzeitig pflasterten sie unseren Weg, den wir seitdem beschritten.


Irgendwann in unserer Kindheit hörten wir Sätze wie „Sei Stark, Weine nicht, Sei Tapfer“. Rollten dann doch mal die Tränen, gab es statt tröstenden Gesten und Worten oft nur den Appell wieder Vernunft anzunehmen. Die Unterdrückung von Gefühlen wurde zum gesellschaftlichen Ideal erklärt, denn große Mädchen oder große Jungs stellen sich nicht so an. Wer sich nicht daran hielt wurde belächelt, ausgegrenzt oder als psychisch krank abgestempelt. Heulsuse, Angsthase oder Dramaqueen waren besonders beliebte Kosenamen für solche „Fälle“. Die Schulmedizin spricht von emotionaler Instabilität oder Depression.


Die Folgen dessen sieht man tagtäglich, sowohl in den sozialen Netzwerken, am Arbeitsplatz als auch in vielen Wohnzimmern. Aber keiner von uns ist so ehrlich zuzugeben sich gerade schwach und traurig zu fühlen. Menschen tragen Masken und verdrängen ihre ungeliebten Gefühle und schränken sich damit massiv ein. Sie dürfen diese ja angeblich nicht fühlen, weil man ihnen sonst unterstellen könnte, nicht achtsam genug zu sein oder nicht „Liebe“ zu sein. So so. Stattdessen wird alles auf den Anteil ins uns geschoben, der sich innerer Schweinehund nennt, und den es stets zu bekämpfen gilt. Wir alle leben in ständiger Angst, befinden uns aber auf der Suche nach Liebe. Trifft das dann nicht auch auf unseren inneren Schweinehund zu?


Was sollen bloß die anderen von mir denken? Ich bin ein Kämpfer und deswegen auf keinen Fall schwach“„Ich darf die anderen auf keinen Fall enttäuschen“„Ich bin nur dann glücklich, wenn es die anderen auch sind“


Was denken die anderen wirklich? Wissen wir das? Oder ist das nur unser Gedanke?


Ist es dann aber nicht so, wenn es nur ein Gedanke ist, das dies dann im Grunde nur ein Gerücht ist, irgendwo und irgendwann (zumeist als Kind) aufgeschnappt, nicht durchdacht, aber als „Wahrheit“ angenommen, daran geglaubt und dann selbst in Umlauf gebracht.


Und nun heißt es also, um zu überleben, muss man sich anpassen, am besten gar nicht auffallen aber vor allem kämpfen und niemals versagen. Wer rastet, der rostet und das kostet am Ende die Anerkennung der anderen, auf die wir angewiesen sind, damit wir uns wertvoll fühlen. Wir brauchen das einfach. Und daran denken wir jeden gottverdammten Tag.


Und wem hilft dieser Glaubenssatz?

Wenn Sie darüber nachdenken und das bislang gelesene für sich nochmal reflektierten, dürften Sie (so hoffe ich) zu dem Ergebnis kommen, dass er nur unserem Tun- Modus dienlich ist, der uns einredet, ständig was tun zu müssen, statt uns auszuruhen. Das ist Stress pur. Und diesem Stress fühlen wir uns sehr oft hilflos ausgeliefert. Dazu gesellen sich dann noch Stresssymptome wie Herzrasen, Schwindel, Tinitus, Paradentose, Schlaflosigkeit und Grübelattacken (Wann hört das endlich auf? Werde ich jemals glücklich werden? Bin ich liebenswert?)


Am Ende stehen in unserer Gerüchteküche ganz viele Gedanken, verkleidet als Koch, die uns die klare Sicht vergiften. Wir verlieren den Überblick, erleiden Schiffbruch, brennen aus und auch unser Appetit auf neue Erfahrungen passt sich an und wird toxisch. Wenn wir uns tatsächlich in Beziehungen mit anderen stürzen, nur um Anerkennung zu erfahren, vergiften wir uns automatisch selbst. Beziehungen sind immer dann toxisch, wenn wir auf Gerüchte mehr geben, als auf das, was wirklich ist. Damit meine ich (und das kenne ich aus eigener Erfahrung), wenn ich denke, dass man mich verlässt, wenn ich Schwäche zeige, dass daraus der Gedanke in mir heran wächst, dass ich nicht ICH sein darf, aus Angst dass der andere sich dann von mir abwendet und mir meine Droge „Anerkennung und Bestätigung dass ich wertvoll bin“ entzieht. Und am Ende steht dann das Gerücht im Raum, dass ich weder liebenswert bin noch, dass ich es verdient habe jemals glücklich zu sein


Was hat das jetzt mit dem inneren Kind zu tun?


Nun wenn wir nicht wir selbst sein können, wir also denken, was andere von uns denken könnten, dann vermitteln wir unserem inneren Kind dadurch, dass es sich nicht zeigen darf, wie es ist. Wir muten unserem inneren Kind also zu, sich zu entscheiden. „Bin ich angepasst, werde ich geliebt, zeige ich mich wie ich bin, werde ich verlassen“. Das ist ein wahrer Loyalitätskonflikt, dem wir uns und unserem inneren Kind aussetzen, was gleichzeitig die Frage aufwirft, wer uns erlaubt hat, so scheiße mit unserem inneren Kind umzugehen.
Wer hat Ihnen erlaubt, so scheiße mit ihrem inneren Kind umzugehen?


Warum schreibe ich jetzt diesen Text?

Auch ich war mal an ihrer Stelle. Ich war wie sie auf der Suche nach Liebe und auch ich hatte Angst diese niemals zu finden. Ich war süchtig nach Anerkennung von anderen und erkrankte dadurch immer mehr. Wenn ich etwas nicht bekam, wo ich dachte, dass es mir zusteht, gab ich anderen die Schuld dafür, dass es mir schlecht ging.Alleine dadurch brachte ich das Gerücht in Umlauf, dass die anderen für mich nur was wert sind, wenn sie sich mir anpassen. Erinnern sie sich noch an ihre Kindheit und den Appell tapfer, brav und stark zu sein? Sie waren brav, weil sie dachten, dass sie nur auf diese Weise liebenswert seien. Sie blieben stark und verdrängten ihre Tränen, um weder im Stich gelassen zu werden, noch dem Gefühl der Schwäche oder des Versagens ausgesetzt zu sein.Und genau das vermittelte ich auch auf meiner Suche. „Die anderen sind für mich nur liebenswert, wenn sie sich mir anpassen und mir somit das geben, wozu ich aufgrund meines Loyalitätskonflikt nicht in der Lage bin. Sie geben mir das, was ich brauche, ebenso aus der Angst heraus, dann meine Anerkennung und Bestätigung wertvoll zu sein, zu verlieren.“


Ok.

Nein nicht ok!


Wie kann ich mit den Gerüchten in meinem Kopf aufräumen, nur dann was wert zu sein, wenn ich den anderen das gebe, was sie brauchen, nur damit ich deren Anerkennung nicht verliere?


Richtig. Liebe, und zwar die Liebe zu mir selbst. Und deswegen ist man noch lange kein maligner Narzisst, wie oft behauptet wird. „Der Narzisst liebt nur sich selbst“ Die größte Lüge! „Der Narzisst beutet andere aus“ Auch eine Lüge. Was ist denn nun wahr?


Der Narzisst liebt sich nicht selbst. Er liebt nur den Teil in sich, von dem er denkt, dass andere diesen liebenswert finden. Aber das ist keine echte Liebe. Er darf seine Verletzlichkeit nicht lieben. Er hat ja als Kind gelernt, nur liebenswert zu sein, wenn er sich den anderen gegenüber anpasst und sein Wahres selbst stets verleugnet. Dieser verleugnete Teil seiner Selbst, gilt als der Teil, den er stets abzuwehren versucht und das alleine nur, weil er den Gerüchten (Glaubenssätzen der Kindheit) in seinem Kopf mehr Glauben schenkt, als der Wirklichkeit. Und dieses Phänomen der ständigen Schmerzvermeidung (Vermeidung der Gedanken schwach zu sein und zu versagen) sehen wir täglich. Wir sehen es bei anderen, aber bei uns selbst wehren wir das ab.


Ich möchte sie nun um etwas bitten. Versuchen sie das Gerücht „nur dann liebenswert zu sein, wenn“ abzulegen und mit folgendem Gerücht zu ersetzen:„Ich bin liebenswert, weil ich ICH bin, dadurch bin ich Ich- Selbst und weil ich Ich- Selbst bin- bin ich liebenswert“. Kurz gesagt: „Ich bin liebenswert, weil ich liebenswert bin“


Jetzt atmen sie mal.

Und dann sagen sie es sich selbst: „Ich bin liebenswert“.Wenn das jeder zu sich selbst sagt, dann ist automatisch auch jeder liebenswert und das alleine aus dem Grund – Ehrlichkeit gegenüber dem inneren Kind- also weil Ich bin, Du bist, Wir sind was wir sind- nämlich liebenswert!


Entschuldigung, ich verzeihe mir, ich liebe mich, danke !!! Ho´opononpono

🙂
Und ich bin immer liebenswert. Auch wenn ich schwach bin, versage, die Tränen kullern lasse oder laut los lache. Ich bin immer liebenswert. Und ich liebe mein inneres Kind.Sie sind immer liebenswert. Und sie dürfen ihr inneres Kind lieben. Damit löst sich der Loyalitätskonflikt von selbst auf und das Gerücht „nur liebenswert zu sein, wenn“ verliert an Bedeutung.

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