Gastbeitrag von Kirsten Stefen über die Wut des inneren Kind

Kennst Du das Gefühl der Wut? Weißt Du wie sich Wut anfühlt? Nein, ganz ehrlich, denn ich habe einige Menschen die ich begleiten darf und die sich nicht daran erinnern können jemals wütend gewesen zu sein, oder dieses Gefühl gar nicht einordnen können. Woher kommt das?

Ganz oft wird uns in der Kindheit die Wut regelrecht ausgeredet, aberzogen, ausgetrieben. „Du hast jetzt keinen Grund wütend zu sein! Reiß Dich mal zusammen! Hör damit auf!“
Gleichzeitig haben wir als Kind auch von dem Erwachsenen die Wut gegen uns erfahren. Je nachdem wie die Eltern ihre Wut gezeigt haben, ob sie dabei verletzend, aggressiv, unkontrolliert waren, tragen viele Menschen eine, berechtigte Angst vor der Wut in sich und haben dann auch Angst ihre eigene, berechtigte Wut zu fühlen.

In meinen Begleitungen versuche ich in der Inneren Kind Thematik denjenigen für die positive Energie der Wut zu sensibilisieren, weil sich hinter einer zurück gehaltenen, kontrollierten Wut oftmals eine große Traurigkeit verbirgt.

Hast Du schon einmal beobachtet wie ein KleinKind mit seinesgleichen, zum Beispiel auf dem Spielplatz seine Wut auslebt. Ich habe es bei meiner Tochter und auch bei anderen Kindern im Alter von 3-6 Jahren beobachtet. Sie leben ihre Wut aus, stampfen auf dem Boden, bewegen ihre Arme, Bällen ihre Fäuste, man spürt und sieht die Anspannung im ganzen Körper. Sie fangen an zu weinen, oder auch zu schreien, toben. Dann 5 Minuten später, ist es als ob nichts gewesen ist und sie spielen wieder friedlich auch mit dem Kind, dass sie geärgert hat.

WUT ist ein sehr sehr starkes, reinigendes und für Dich sehr wertvolles Gefühl. Wusstest Du das Menschen, die in ihrem Leben die Wut nicht fühlen durften fast immer auch ein Thema mit fehlenden Selbstwert, Selbstbewusstsein und Abgrenzung haben? Kannst Du Dir vorstellen, dass das eine sich ohne das andere nicht entwickeln kann? Das Du nur dann einen Selbstwert fühlst, wenn Du auch die Wut in Dir zulässt? Nein? Dann lass uns doch mal das Gefühl der Wut beleuchten.

Wenn jemand meine Grenze nicht akzeptiert, übergriffig wird, mich beleidigt, unehrlich ist, dann gibt es die eine Möglichkeit, dass ich das hinnehme. Dadurch schiebe ich mein eigenes Wertgefühl zu Gunsten von Friede, Freude, Eierkuchen zur Seite. Wusstest Du das jahrelang unterdrückte Wut oftmals in die Körperlichkeit geht? In die Leber und vor allen in die Galle? Man sagt Gallensteine sind geronnene, zusammengepresste Aggressionen. Auch im Magen zeigt sich diese aufgestaute, kontrollierte Wut.

Kurt Tepperwein schreibt in seinem Buch – Die Botschaft Deines Körpers
Zitat: „Wenn jemand seine Aggressionen nicht äußert, dann äußert sie sich auf der körperlichen Ebene als Übersäuerung. Es braucht seelisches Geborgenheitsgefühl, um Aggressionen äußern zu können, sonst trauen wir uns nicht – aus Angst vor Liebesentzug.“

Da ist es, die Angst vor der Wut, die im Grunde genommen nichts anders ist, als die Angst, wenn ich nicht mehr lieb und brav bin, sondern meine Wut zeige, hat man mich nicht mehr lieb. Ein berechtigtes Gefühl Deines Inneren Kindes. Ich habe selbst diesen Glaubenssatz von meiner Oma gehört: „Wenn Du weiterhin wütend bist, dann hab ich Dich nicht mehr lieb!“
Ich weiß, dass sie in dieser Situation, in denen sie sich mit meiner kindlichen Wut konfrontiert gefühlt hat, auch nur überfordert war und deshalb diesen Satz gesagt hat. Aber für mich als Kind hat es dafür gesorgt niemals wütend sein zu können, egal ob ich eine ungerechte Behandlung erfahren, in der Schule von Klassenkameraden zu tiefst verletzt oder beleidigt wurde. Vor allen Dingen habe ich mir jahrelang die Wut nicht eingestanden über die Entscheidung meiner Eltern mich mit 12 Monaten zu meinen Großeltern zu geben, die Wut auf meine Mutter, die nie für mich da war und die sich auch nie für mich interessiert hat, die Wut, wenn meine Oma mich mit einem Kleiderbügel vertrümnt hat, als ich beim nähen einer Hose falsch genäht und damit der ganze Stoff unbrauchbar war und und und

Ich habe alles geschluckt, alles mit mir machen lassen und schon als Kind immer wieder Magenbeschwerden gehabt, ganz zu schweigen von der körperlichen Fülle, die ich mir regelrecht angefressen hatte.

Aber ich habe meine Wut auf Bildern zum Ausdruck gebracht, oder meinen Großeltern Geld aus dem Portemonnaie geklaut.

Zudem hat mir meine Oma väterlicher Seitz, immer dann, wenn ich meinen Paps besucht habe, von ihrer Beziehung mit meinem Opa erzählt, der im Krieg verschollen ist und meinte dann: „Wir hatten eine so wundervolle Beziehung, denn ich war niemals wütend und habe nie ein böses Wort gesagt.“ So wuchs ich auf mit ganz viel Wut, die ich nicht ausleben, nicht zeigen durfte.

Dabei ist WUT so wichtig, denn dadurch erfahre ich meinen eigenen, meinen Selbstwert. Nur dann, wenn ich das Gefühl habe eine Ungerechtigkeit gegenüber mir, oder meiner Wahrheit zu erfahren, spüre ich diese Wut in mir. In meiner Lebenserfahrung und auch in meinem Inneren Kind Begleitungen habe ich eine für mich sehr stimmige Gleichung WUT = SELBSTWERTGEFÜHL

Wenn auch Du eine negative Einstellung, ein negatives Gefühl für die Wut hast, wie wäre es dieser zum einen eine neue, positive Energie zu geben und zum anderen, was hältst Du davon Deine Wut zu recyceln ♻️.

Wie kann ich die Wut positiv verändern? 
Nimm das Wort WUT und setze die Buchstaben mal untereinander 
W
U
T

Und jetzt suche Dir für jeden Buchstaben ein neues kraftvolles, bestärkendes, positives Wort. Hier einige erarbeitete Varianten:

Wahrheit
Unter
Tränen

Wünsche 
Und
Träume

Willensstark
Und
Tatkräftig

Wehren
Ungerechtigkeit 
Tiefschlag

Schau doch mal welche Worte Du für Deine WUT findest.

Nächster Punkt 
Wut Recycling ♻️
Was verstehe ich darunter? Was wäre wenn Du Deine, in Deinen Augen gefährliche, zerstörerische Wut in etwas Neues positives verwandelst und zwar nur deswegen, weil Du sie ganz bewusst und fokussierst auslebst? Ohne Bewertung! Denn das ist die größte Schwachstelle der Wut, wenn wir sie bewerten, sie in Abhängigkeit zu jemanden setzten, ohne sie wirklich zu fühlen. Versuche einmal die Wut zu fühlen, OHNE sofort zu denken, DER/DIE/DAS hat mich wütend gemacht, ist Schuld an meiner Wut. Damit liegt wieder die Energie der Schuld im Raum und Du gibst dem anderen dann unbewusst eine noch stärkere Macht über Dich.

In meinen Begleitungen biete ich, aus meiner eigenen Erfahrung einen Wut Recycling ♻️ Tag an oder auch für das Innere Kind einen „WutTag tut GutTag“, den ich selbst auch regelmäßig mache.

Dafür gehe ich in die Garage und nehme mir alle dicken, sperrigen Kartons, die Dich in der letzten Zeit hier mal wieder angesammelt haben, oder die schon lange vor sich hin oxidieren. Dann gehe ich in die Küche und schnappe mir mein Heinz-Messer, dass ist mein bestes Messer, das alles schneidet und welches mir vor einigen Jahren eine Begleitung, Vorname Heinz, geschenkt hat, als er für ein Wochenende aus Österreich zu mir kam.

Mit diesem Messer gehe ich dann zu dem Berg an Kartons, öffne den Mülleimer und lade meine Wut und damit mein rebellisches Inneres Kind ein, sich jetzt den Raum zu nehmen. Ich spüre dann eine unglaubliche Kraft und Fokussiertheit in mir und kann gar nicht so schnell gucken, wie meine Hände anfangen die oftmals sehr harten Kartons zu zerschneiden, oder auch zu zerreißen. Manchmal werfe ich sie auch voller Wucht auf den Boden, grade die Waschmittel- Kartons, stampfe, trete, hüpfe auf ihnen herum, bis sie so platt sind, dass ich sie durch unseren Briefschlitz passen. Alle Kartons werden an diesem Tag in so winzig kleine Stücke recycelt ♻️ und wir haben dadurch immer meeega viel Platz in unserer Papiermülltonne.

In einer Begleitung, Anfang November 2017, die auch das Thema „WUT nicht fühlen dürfen“ hatte, gab ich eine ungewöhnliche Hausaufgabe mit, als wir in einer geführten Reise und in einer systemischen Aufstellung herausfanden, dass sie unterdrückte Aggressionen in sich trägt, die auch schon durch starke Magen und Leberbeschwerden in die Körperlichkeit gegangen sind.

Ich sagte: „Du bekommst von mir folgende Aufgabe. Gehe mal bei euch in den Keller und schaue nach einem alten Stuhl, der entsorgt werden kann. Oder frag mal bei Deinen Freunden und Bekannten, oder besorge Dir einen Stuhl auf einem Flohmarkt.

Dann nimm Dir einen Tag, stell Dir diesen Stuhl draußen hin, am Besten einen steinigen, festen Untergrund, mache ein Foto von dem Stuhl und lade Dein rebellisches Inneres Kind, dass Du heute kennengelernt hast ein. Nimm es an die Hand und sage ihm, dass es jetzt mit Dir zusammen seine Wut fühlen darf, Dir diese zeigen darf und Du ihm dafür den Raum gibst. Lass Dich dann von Deinem Inneren Kind, in die Erinnerung, in die Situation führen, in der es diese Wut gefühlt hat. Nimm diese Wut ganz bewusst wahr, ohne sie zu bewerten. Greife dann nach dem Stuhl und zerschmettre ihn so fest Du kannst auf dem Boden, bis Du ganz viele kleine Holzstücke hast. Sammle dann alle Holzstücke ein und bring sie als Beweis zu Deinem nächsten Termin mit.“

Vielleicht kannst Du Dir vorstellen, wie überrascht meine Begleitung war, aber sie kam zu unserem nächsten Termin mit einer Kiste voll mit Kleinholz, zeigte mir die beiden Fotos und strahlte dabei über das ganze Gesicht. Sie hätte sich schon lange nicht mehr so kraftvoll, lebendig und entschlossen gefühlt, wie in diesem Moment und fühle sich entspannter, meinte sogar, dass sie bei einem Streit in ihrer Familie in einer totalen Gelassenheit gewesen sei, bei dem sie sonst in der Vergangenheit tagelang danach Magenschmerzen gehabt hätte.

Ich sagte dann zu ihr: „Was hältst Du davon wenn wir Deine recycelte Wut jetzt positiv verwenden?“

Sie schaute mich mit großen, staunenden Augen an. Ich ging in die Küche, machte uns beiden einen heißen Tee, nahm die Kiste mit dem zertrümmerten Stuhlresten, öffnete unseren Kamin, baute die Holzstücke darin auf und zündete einen Streichholz an.

Innerhalb kürzester Zeit entstand ein wärmendes Feuer. Ich holte meine Begleitung und wir setzten uns vor dem Kamin, tranken unseren Tee und wärmten uns von ihrer recycelten Wut auf.

Sie schaute in die Flammen und ihr liefen die Tränen über ihr Gesicht. Dann sagte sie zu mir: „Kirsten, ich bin grade so überwältigt. Ich hätte niemals gedacht, dass wie gut es auch anfühlt meine Wut zu fühlen, dafür nicht abgewertet, verurteilt zu werden, oder Liebesentzug zu kassieren. Jetzt fühle ich endlich diese Traurigkeit und die Wärme meiner Wut tut mir so gut!“

Es liegt jetzt nur an Dir, ob und wie Du Deine Gefühle lebst, welche Energie Du ihnen zuschreibst. Alles hat seine Berechtigung und Gefühle wollen gefühlt werden. Erst wenn wir unsere Gefühle gefühlt haben, fließen diese von ganz alleine von uns ab. Du selbst kannst entscheiden, ob Dich oder andere das Feuer Deiner Wut zerstört, oder wärmt.

Und wann fängst Du an mit Deinem
WUT-RECYCLING???

Blog mein-seelenschmetterling.de
Bild & Text Copyrights Kirsten Stefen 2018

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