Gastbeitrag von Monika Rauch

Was haben Kritik und Liebe miteinander zu tun?

Es fängt ja schon früh an: Kaum fahre ich als stolze Mutter mein Kind im Kinderwagen spazieren, kommt jemand Bekanntes (oder auch Unbekanntes), steckt seinen Kopf in den Kinderwagen und sagt mit sorgenvoller Miene: „Was für ein süßes Kind! Aber ist es nicht ein wenig zu klein/schwer/unbeweglich/zahnlos…?“ So geht das dann weiter: Als Eltern bekommt man so manchen wohlmeinenden Ratschlag: „In seinem Alter müsste es sich aber schon drehen.“ „Was, es läuft noch nicht und die Schuhe kann es auch noch nicht binden?“ Als leicht verstörte bis schwer verunsicherte Eltern geht´s ab zum Arzt. Der wird schon wissen, ob sich alles normal entwickelt. Wie gut, dass es die Fachleute gibt, die haben ja schließlich studiert!

Die nächsten Stationen sind die Betreuungseinrichtungen, da achtet der Erzieher, ob sich das Kind standardmäßig entwickelt – wenn nicht: Ab zum Arzt, Logopäden, Ergotherapeuten und evtl. in die psychologische Beratungsstelle! Und wir wissen ja: Das sind Fachleute, die es schließlich gelernt haben. Und dann kommt das Kind in die Schule. Nach anfänglicher Schonfrist in Form schriftlicher Bewertungen, gibt es die ersten Noten. Und uns als Eltern wird langsam klar, dass unser Kind zu den favorisierten Gewinnertypen, zu den erduldeten Mittelmäßigen oder den Leistungsschwachen gehört.

Ich glaube, dass alle Eltern ihre Kinder lieben. Wir sorgen uns, wollen, dass unser Kind ein gutes Leben hat und einen Beruf, der Wohlstand bringt (und uns eventuell ein wenig zur Rente beisteuert). Daher bekommt es bereits im Kindergarten Englischunterricht und muss natürlich gut in der Schule sein. Mit schlechten Leistungen wird es das Kind nicht weit bringen; denken wir.

Das mag in gewisser Weise sogar stimmen. Ich bin aber der Meinung, dass ein Kind ein „erfolgreiches“ Leben führt, wenn es bedingungslos geliebt wird. Wenn bereits ein kleines Baby Kritik ausgesetzt ist und wir als Eltern ohne Vertrauen in die Wesenheit des Kindes sind, wird es das spüren und es vielleicht sogar leben.

Ein gesagtes Wort ist sehr mächtig!

Lassen wir dem Kind all unsere Liebe gepaart mit Vertrauen angedeihen, wird es sich so entwickeln wie es gemeint ist. Ein geliebter, vertrauensvoller Mensch wird die Beschäftigung finden, die er liebt und somit seine Sache automatisch gut machen; also der Menschheit dienen.

Im Erwachsenenalltag geht es weiter mit der Kritik:

  • Rezensionen: Bücher, Filme, Kosmetik-Produkte, Möbel … Besonders im Internet können Sie sich aussuchen, was allen Ansprüchen genügt und was das vermeintlich Beste ist.
  • Bewertungen in Reiseportalen sollen dem Kunden es erleichtern, den passenden Urlaubsort zu finden.
  • Likes und Dislikes in den sozialen Netzwerken zeigen, wer oder was gut oder schlecht auf dieser Welt ist.
  • Zeugnisse aller Art bezeugen, wie wertvoll ein Kind/Mitarbeiter/Mensch ist.

Diese ganze Bewerterei bringt mich echt durcheinander! Nachdem ich die 10. Reisebewertung und die 20. Buchrezension gelesen habe, bin ich am Ende unsicherer als vorher. Ich gebe zu: Ich orientiere mich auch daran, aber gleichzeitig gehe ich mittlerweile wieder ins Reisebüro und lasse mich beraten, lese die Inhaltsangabe der Bücher und schaue mir die Menschen, mit denen ich zu tun habe, genau an. Bei allem was ich tue, versuche ich mich auf mein Bauchgefühl, also auf meinen Instinkt, zu verlassen. Außerdem versuche ich kritisch mit jeder Nachricht umzugehen. Weiß ich wirklich, ob diese Meldung so stimmt und/oder ob die Nachrichtenagentur gut recherchiert hat?

Zwischendurch hole ich mir immer mal wieder eine „Klatsche“ ab (wie eine gute Freundin zu sagen pflegt): Ich lasse mir dann gerne mal von den falschen Leuten Ratschläge erteilen, wohl in der Hoffnung auf eine Streicheleinheit, in der Art: „Das hast du aber fein gemacht!“ Kürzlich z.B. habe ich einem Bekannten einen frischgedruckten Flyer gezeigt. Ich hatte mir wochenlang über Gestaltung und Text einen Kopf gemacht. Der Bekannte meinte nur lapidar: „Man (wer ist das?) schreibt heute nicht mehr „Schönheit“ sondern „Noblesse“. Klatsch! Das tat weh. Kein erhofftes Lob über die Gestaltung und die tollen Texte.

Das sind die Destruktiven, von denen es leider so einige gibt und die bestimmt auch eine leidvolle Geschichte mit sich herumtragen. Ich lerne, mich von diesen Menschen innerlich abzugrenzen und es nicht persönlich zu nehmen. Aber wie schafft es ein Kind, und später ein erwachsener Mensch mit all den Verletzungen klarzukommen?

Das geht meiner Meinung nach, einzig und allein, mit bedingungsloser Liebe. Liebe zu sich selbst ist der erste Schritt, um liebevoll mit anderen umzugehen. Lieben wir uns selbst, haben wir auch Selbstvertrauen. Und Selbstvertrauen hilft uns, einen Sinn im Leben zu entdecken und unseren ureigenen Weg zu gehen. Gehen wir Eltern mit uns liebevoll und selbstbewusst um, spiegeln wir das unseren Kindern. Sie lernen von uns als Vorbild.

Noch ein paar Worte zur positiven, wohlmeinenden Kritik: Es ist immer schwierig für jemanden, kritisiert zu werden. Alte Verletzungen kommen zutage, man fühlt sich leicht missverstanden, nicht gesehen im eigenen Sosein, mitunter sogar vernichtet. Kritik ist nicht immer vermeidbar, z.B. im beruflichen Kontext oder in der Pädagogik: Wenn ein Chef/ein Pädagoge sorgsam mit seinen Mitmenschen umgeht und diese in die Prozesse mit einbezieht, könnte es gelingen, eine erwünschte Korrektur vorzunehmen. Dazu sollten die Gespräche auf Augenhöhe geführt werden.

Hier schließt sich der Kreis: Eigenliebe, Liebe, Vertrauen und Sensiblität holen das Beste aus den Menschen heraus – so kann auch Kritik etwas bewirken.

Hausaufgabe: Wann kritisierst Du und wen? Was fühlst Du wenn Du kritisiert wirst? Gibt es Unterschiede in der Art der Kritik? Wenn Du meinst, jede Kritik voll und ganz zu verdienen, könnte es sein, dass Du Dir selbst nicht genügend wert bist. Es gibt viele Bücher, youtube-Filme zum Thema Selbstwert, oder Du kommst in die neue Facebook-Gruppe: https://www.facebook.com/groups/kuenstlertreff.de/

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