Ich bin für euch alle da- Menschen in der Falle des Helfersyndroms

Kinder handeln wie ihre Eltern und sind wieder für alle anderen da

Jede Generation will es anders machen als die vorangegangene. Sie will die Sünden, die ihre eigenen Eltern an ihnen begangen haben, nicht wiederholen. Dazu zählen lügen, schimpfen oder drohen. Noch kinderlos, leisten sie sich selbst den Schwur: „Wenn ich eigene Kinder habe, werde ich das nie tun!“ Voller Überzeugung schlittern frischgebackene Eltern in diese Illusion. Doch früher oder später weichen die guten Vorsätze der Realität. Und ehe Eltern sich versehen, machen sie genau das, was sie sich geschworen hatten, nie zu tun. Das, was die eigenen Eltern auch getan hatten.

Unbewusst verhalten sich Menschen dann wie ihre Eltern, obwohl sie es ganz anders machen wollen. Sie versuchen zwar die „Welt im Außen“ zu retten, indem sie die beste Mutter, der beste Vater, die fleißigste Vereinskollegin, der mitfühlendste Chef, die liebste Lehrerin, die liebende Kindergärtnerin oder Tagesmutter, die netteste Arbeitskollegin oder der freundlichste Mitarbeiter sind, vernachlässigen aber sich selber wieder genauso, wie sie es von den Eltern gelernt haben. Sie geben sich zu wenig Zuwendung, Geborgenheit, Liebe und Aufmerksamkeit. Sie behandeln ihren inneren bedürftigen kindlichen Anteil also genau wieder so, wie sie es von ihren Eltern vorgelebt bekommen haben. Und dieser „kindliche“ – in jeder Zelle – abgespeicherte Anteil will natürlich, dass es nicht ewig so weitergeht. Dies ist auch der Grund, dass er versucht darauf aufmerksam zu machen.

„Mama, Papa ich mache es ganz anders als ihr. Ich schaue auf meine Kinder und bin ihnen eine liebende Mutter ein liebender Vater“, ist die häufige Botschaft von jungen Eltern. Unbewusst sagen sie dann allerdings oft auch zu ihrem inneren kindlichen Anteil: „Für dich habe ich leider keine Zeit, weil das habe ich ja von meinen Eltern so vorgelebt bekommen.“ Die Konsequenz ist dann eben dieses anfangs oft undefinierbare Gefühl von Unruhe, Unzufriedenheit und Unwohlsein, obwohl man ja alles so richtig gut macht. Irgendwie versucht uns unser innerer vernachlässigter Anteil darauf aufmerksam zu machen, und wenn wir nicht darauf reagieren, werden die Botschaften lauter und lauter. Dies zeigt sich dann in Aggression, Ärger, Traurigkeit, innerer Leere bis hin zur handfesten Depression. Erschwerend kommen dann oft auch noch körperliche Beschwerden dazu, und man spricht dann von psychosomatischen Symptomen. Man weiß einfach nicht, dass dies ein verzweifelter Versuch des „inneren Kindes“ ist, auf sich aufmerksam zu machen.

Menschen in der Falle des Helfersyndroms

Besonders Menschen in helfenden Berufen sind sehr gefährdet, aus diesem inneren Mangel heraus für alle anderen da zu sein. Sie wollen es einfach besser machen und gehen deshalb oft weit über ihre Grenzen. Da sie aber viel zu wenig auf sich selber achten, werden sie zunehmend nicht nur erschöpfter und frustrierter, sondern haben oft auch mit Gewichtsproblemen und körperlichen Beschwerden zu kämpfen. Dies zeigt sich dann in Aggression, Selbst- und Fremdabwertung, Rückzug oder Burnout.

Unser innerer kindlicher Anteil will beachtet werden

Wenn Betroffene also im ersten Schritt lernen, diesen bedürftigen Anteil in sich zu entdecken und liebevoll anzunehmen, dann öffnet dies die Türen zu einem neuen selbstbestimmten und freudigen Leben. Wer verinnerlicht, dass wirkliche Zuwendung, Friede, Liebe und Geborgenheit zu diesem „inneren Kind“ gehen sollten, der belohnt sich selber am meisten. Dann können die im Außen gesuchten Gefühle, wie Anerkennung, Zuversicht, Gelassenheit, Ruhe, Zufriedenheit und Vertrauen, in einem selber wachsen. Man beginnt dann sozusagen das eigene innere Kind „nachzunähren“, und dieses bekommt dann endlich das, was es eigentlich seit der Kindheit so schmerzlich vermisst hat. Der Dank dafür ist, dass dann oft jahrelange Beschwerden oder unangenehme Gefühle verschwinden, da unser Körper und die Psyche uns nicht mehr mit solchen Symptomen darauf aufmerksam machen müssen. Und das Schöne daran ist, dass man dann mehr für andere leisten kann, da man es ja aus dieser inneren Freude heraus macht und dadurch in der Kraft bleibt, auch wenn man nach getaner Arbeit vielleicht angenehm müde ist.

© Gottfried Huemer aus „Ein Narzisst packt aus“

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